“Germany is super” und warum koreanische Berge anders sind als die deutschen


Heute wollten wir einen Ausflug in den Bukhansan National-Park machen. Der liegt nordöstlich von Seoul und ist das bevorzugte Wandergebiet der Stadtbewohner. Die Lage nordöstlich heißt aber auch, dass wir einmal quer durch Seoul mussten um dort hin zu gelangen. Dank Metro und Bus ist das kein Problem und geht wenn alles gut läuft in etwa 2 1/4 Stunden. Also ab in die Metro.

Kaum standen wir in der Metro, sprach uns ein älterer Einheimischer an, ob wir Amerikaner wären (Das ist die Standardfrage hier, für die Koreaner sehen alle Westler gleich aus und da die meisten hier Amis sind, wird eben erstmal nachgefragt). Als er hörte, dass wir aus Deutschland kämen, war kein halten mehr (Die Amerikaner sind nicht sehr beliebt, da es mit ihnen oft Ärger gibt, wie wir hörten). Er sei auch schonmal in Deutschland gewesen, in Frankfurt und Heidelberg, sei ein “very nice country”. Erstmal wurden wir zu unserer Ausbildung, warum wir in Korea seien und ob es uns denn gefallle gefragt (das macht jeder Koreaner, da er versucht das Gegenüber in die gesellschaftliche Hierarchie, die wohl große Bedeutung hat, einzuordnen). Dann erzählte er uns, dass er Philosophie studiert hätte und die Deutschen so viele tolle Philosophen hätten (er zählte alle die man halt auch bei uns so kennt auf) und nicht zu vergessen “Gete” (wir merkten später dass er Goethe meinte) und Bach und und und. Das Ganze ging viele Stationen und einen Umstieg (er musste auch in unsere Richtung) weiter so. Er sagte dauernd, wie toll doch Deutschland und die Deutschen seien, “Germany is super”. Verwundert nahmen wir zur Kenntnis, dass auch hier ein gewisses Wissen (wesentlich mehr als bei uns über Korea!) über Deutschland vorhanden war.

Nach fast 3 Stunden in Metro und Bus kamen wir dann am Parkeingang an (zusammen mit hunderten anderen Koreanern). Wir wunderten uns erst, dass die Einheimischen alle mit tollen Wanderstiefeln, Wanderklamotten und Stöcken bewaffnet (wir dachten das sei eine Art des Angebens) auf den leicht ansteigenden Beton-Weg in den Park gingen. Wir wollten wie die meisten zum Gipfel des Baekundae, des höchsten Berges in der Nähe von Seoul, mit etwa 834m, ein Weg von etwa 4,5km laut Reiseführer. Eigentlich ja nicht hoch dachten wir, und liefen munter drauf los. Der Weg führte erst durch eine kleine Einkaufsstraße mit Läden für Wanderbekleidung ehe es in den Wald ging. Sanft ansteigend schlängelte sich der Betonweg bis zum Daeseomun-Tor, einem der Tore, die in der Festungsmauer einer alten Festung, die den ganzen Park durchzieht liegen. Hier ist dann der richtige Beginn der Wanderung. Der Weg führte weiter etwas bergan bis zu einem kleinen Dörfchen, das nur aus Essensbuden und kleinen provisorischen Restaurants bestand (das ganze auf etwa 1/3 der Entfernung zum Gipfel). Hier begann der Weg schlagartig steiler zu werden (wie wir später Erfahren haben sind hier wohl fast alle Berge so) und bestand nur noch aus Steinstufen (wohl einige Tausende) über die man sich seinen Weg bergauf suchen musste. Ich hatte nur Straßenschuhe an und dachte, naja wird schon gehen. Dies sollte sich rächen. Der Weg wurde immer steiler und die Stufen immer höher. Aber man kämpfte sich weiter. Zwischendurch gab es immer wieder kleine buddhistische Heiligtümer und kleine Quellen, war sehr schön. Etwa 50 Höhenmeter unter dem Gipfel befindet sich ein Teil der alten Festung, von wo man einen sehr schönen Blick auf das Tal und auf der anderen Seite auf Seoul hat. Dort war für mich mit meinen Schuhen dann Endstation, nichts ging mehr, sowohl vom Weg her, als auch von meinen Oberschenkeln. Also blieb ich dort kaputt zurück und Michael (anderer Praktikant bei RBKR und mein einziger Bukhasan-Begleiter, da die anderen beiden (wohlweißlich) keine Lust hatten) stieg zum Gipfel weiter.

Die Koreaner stürmten da selbst mit kleinsten Kindern (auf die wird keine Rücksicht genommen, Papi stiefelt da stramm voran und die Kleinen müssen mithalten) weiter in einem atemberaubenden Tempo den Berg hoch, macht wohl die jahrelange Übung. Die Koreaner sind irgendwie alle tollkühn oder haben Todessehnsucht, wenn man so sieht wo die alles hinsteigen. Gegenüber der Festung gab es einen großen Felsen (20m hoch oder so), der abgesperrt war, da zu gefährlich. Ich konnte mehrere Gruppen von hauptsächlich älteren Koreanern beobachten, die da ohne Sicherung und Rücksicht auf Verluste hochstiegen und man jeden Moment damit rechnen musste, dass sie gleich 20m weiter unten am Fuße der senkrechten Wand liegen. Auch oben am Gipfel stiegen sie an die unmöglichsten Stellen hin, echt Wahnsinnige. Die Aussicht vom Gipfel muss toll gewesen sein, man hat quasi ein 360° Panorama zu überblicken und sieht wohl ganz Seoul (Bilder dazu werden nachgereicht, wenn ich sie von Michael bekomme).

Der Abstieg war etwas leichter als der Aufstieg, ging aber tierisch auf die Gelenke. Glücklich und Fix&Foxi kamen wir dann unten wieder an (4h später), noch 2 1/2 Stunden Fahrt nach Hause vor uns. Wir haben uns dann mal ausgerechnet, dass das fast 750 Höhenmeter waren, da Seoul auf etwa 90m über dem Meeresspiegel liegt, und das auf knappen 4km Weg, ziemlich heftig. Nächstes mal werden wir bestimmt keinen koreanischen Berg mehr unterschätzen. Trotzdem war es ein sehr schöner Ausflug. Die Bilder sind auch schon online.

Auf der Rückfahrt wurden wir im Bus von einem Koreaner auf fließend Deutsch (ohne Akzent!) angesprochen, woher in D wir denn seien. Er hätte in Tübingen studiert. Also hat man sich dann wieder eine 3/4 Stunde unterhalten. Es stellte sich heraus, dass er dort Geschichte studiert hatte und dass sein Freund, der mit ihm gewandert war und nur Englisch sprach, sogar Professor für Geschichte war. Nach den üblichen Fragen zu Herkunft, Ausbildung und Grund des Aufenthalts wurde uns wieder in allen Details erzählt, wie sehr sie Deutschland doch mögen. Sie erklärten uns auch gleich, dass wir auf der Herfahrt einen Umweg gemacht hätten und wie es viel schneller ginge. Der Professor musste sogar auch in unsere Richtung (eine Haltestelle zuvor) und hat uns begleitet und uns viel über Seoul usw. erzählt. Als dann im Bus nach Bundang noch meine Wertkarte streikte (warum auch immer, am morgen hatte ich sie noch aufgeladen), und ich nur noch 10000 Won-Scheine (Busfahrer können hier nicht auf Scheine rausgeben) dabei hatte, hat er mir einfach die Fahrt (für hiesige Verhältnisse recht teuer, 1 Euro für eine Fahrt von einer Stunde Dauer) bezahlt und war auch nicht zu Überreden, das Geld zurückzubekommen. Zum Abschied gab er uns einfach seine Visitenkarte (in Korea ein essentielles Utensil, wenn man das Haus verlässt, auch wegen der Einordnung in die Hierarchie) und meinte, wir sollten ihm doch eine e-Mail schreiben, dann könnte man mal zusammen zum Wandern gehen (das wäre so in D wohl nie passiert).

Total kaputt sind wir dann nach 2 1/2 Stunden wieder angekommen und haben uns immer noch über die Koreaner gewundert.

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